Okay, ich gebe es zu. In den letzten Wochen und Monaten hat mein Blog ziemlich gelitten. Die Postingfrequenz ist in etwa so ausgeprägt wie der Herzschlag einer Kröte während ihrer Winterstarre und auch sonst rotze ich nur ab und an kurze Schnipsel raus, die wenigstens den Beweis erbringen, dass ich noch am leben bin (und dieses Blog somit ebenfalls).

Aber heute ist mir seit langem einmal wieder nach einem etwas längeren Artikel zumute, der mitunter etwas wild und unkoordiniert anmuten kann. Einfach, weil mich eine bestimmte Frage in letzter Zeit wieder recht häufig beschäftigt: Haben wir verlernt genervt zu sein?

Die Frage an sich klingt schon ziemlich komisch, das gebe ich zu, aber wenn man sich die Zeit nehmen möchte, um auf die hinter dieser Frage liegende Ebene einzusteigen, wird es ganz bestimmt wahrscheinlich interessanter. Vielleicht geht es nur mir so, aber in den letzten Wochen sind mir immer wieder Situationen (bewusst) aufgefallen, in denen man sich so viel anders hätte verhalten können, anstatt gleich wegen Nichtigkeiten zu explodieren. Teils war das bei Freunden. Teils in meiner Familie. Teils auf der Arbeit. Teils bei völlig Fremden, die ich in der Öffentlichkeit angetroffen habe. Wo aus einer Mücke ein Elefant wurde, der sich wiederum in eine Dumbo-Version des Hulk verwandelt hat und zu einem emotionalen Hiroshima auswuchs.

Wer mich kennt, der weiß, dass es eine ganze Weile dauern kann, bis ich aufgrund von nervenden, strapazierenden Umständen wirklich aus der Haut und dann auch jemanden anfahre. Und so behaupte ich auch von mir, dass ich zuweilen eine wirklich hohe Frustrationsgrenze habe, bis mir etwas sauer aufschlägt. Ein Fakt, der mich, so glaube ich, wiederum in die Position bringt bei anderen (je nachdem, wie gut ich sie kenne) recht genau erahnen zu können, wann diese hochzugehen drohen. Macht ja auch Sinn: Solange ich – als Außenstehender – nicht explodiere und alles um mich herum mitreiße, kann ich die anderen beim Platzen erleben.

Nun ist mir wie gesagt in letzter Zeit immer wieder aufgefallen, dass die Leute um mich herum regelrecht aus der Haut gefahren sind. Und das aus völlig nichtigen Gründen, wie mir scheint. Nicht sofort erfüllte Aufgaben mittlerer Priorität oder nicht erledigte Gefallen. Kann passieren und ist ärgerlich.

Aber mein Liebling ist ja die sofortige Reaktion auf Äußerungen der Mitmenschen. Egal was jemand gesagt hat, es muss sofort eine Antwort kommen. Am Besten auf eine abwertende, süffisante oder unbedachte Äußerung, die dem alten Affen Ego so richtig Zucker gibt, damit sich die angesprochene Person direkt angegriffen fühlen kann, um richtig loszulegen und – ihr habt es erraten – zu explodieren.

Und das sind die Momente, wo ich mich jedes Mal frage: Sind wir mittlerweile wirklich so dünnhäutig geworden, dass wir wegen jedem kleinen Furz gleich ein Fass aufmachen müssen? Haben wir wirklich verlernt von anderen genervt zu sein, ohne es gleich die ganze Welt wissen zu lassen? Was ist aus dem guten alten „den Ärger runterschlucken“ geworden?

Klar, man sollte nicht alles in sich reinfressen und dann still und leise daran zu Grunde gehen. Sich Luft zu verschaffen kann auch befreiend und hilfreich sein, keine Frage. Aber ist die Alternative zu genervt sein mittlerweile tatsächlich nur noch sofortiges Dampf ablassen und den anderen am liebsten gleich einen Kopf kürzer machen?

Ich will jetzt nicht darüber philosophieren, dass das alles eine Entwicklung der bösen, hektischen Leistungsgesellschaft ist, die nur noch Alphatiere akzeptiert, die im Kampf um den führenden Platz im Rudel einen auf verbal dicke Hose machen müssen, um sich zu beweisen, weil für eine versöhnliche Aussprache oder eben eine Nicht-Reaktion keine Zeit oder Verständnis da wären. Das wäre zu einfach.

Ich will es einfach nur verstehen. Aber das kann ich nicht, wenn mir die nächste Druckwelle um die Ohren saust. Darum frage ich euch hier, in diesem einigermaßen ruhigen Raum, der dieses Blog mittlerweile geworden ist, ob ihr vielleicht eine Antwort wisst.

Advertisements